In der Welt der Dichterhandschriften zählen sie zu den rätselhaftesten Erscheinungen überhaupt: Robert Walsers 'Mikrogramme', jene einst in einem Schuhkarton aufbewahrten 526 Blätter und Zettelchen, auf denen der Dichter in den zwanziger Jahren seine Texte ein erstes Mal niederschrieb. Lange Zeit schien es ausgeschlossen, dass sich die extrem kleine und kürzelhaft verschliffene Schrift integral und verlässlich entziffern liesse. So sprach man vielfach von einer editorischen Sensation, als der Suhrkamp Verlag im Jahre 1985 zwei Bände mit Prosastücken, Gedichten und Szenen aus diesen Manuskripten vorlegte. Anhand einer einheitlichen Gruppe von Blättern, die alle dem Zeitraum entstammen, konnte man Einblick in Walsers tägliche Schreibarbeit gewinnen. Indes bestand wenig Hoffnung, weitere Texte gleichermassen vollständig zu erschliessen, da Walsers Schrift sich selbst in ihrer Minimaldimension mit den Jahren noch weiter verkleinerte und die seinerzeit edierte Gruppe die früheste, mithin die am ehsten lesbare war. Um so bedeutsamer, dass es den Herausgebern - entgegen eigener Erwartung - in vierjähriger mühseliger Arbeit gelang, einen weiteren Komplex zusammengehörender Blätter umfassend zu transkribieren. Es handelt sich um einen Kalender von 1926, dessen leere Rückseiten Walser in diesem und dem folgenden Jahr fast lückenlos mit seinen winzigen Schriftzeichen bedeckte. Die kalligraphischen Kunstwerke, die dabei entstanden, deuten schon in ihrem zauberhaften grazilen Erscheinungsbild auf die Einzigartigkeit der Dichtungen hin, die in ihnen verborgen liegen. In der Tat eröffnet sich dem Leser in diesen Texten eine poetische Welt, wie sie vielfältiger und reizvoller kaum sein könnte. Alltagsbeobachtungen eines passionierten Spaziergängers finden sich neben literarischen Vexierspielen, fiktive Briefe neben Essays; konfessionelle Gedichte wechseln ab mit ironischen Porträts, parabelhafte Szenen mit Liebesgeschichten. Verschiedentlich tritt dabei ein noch gänzlich unbekannter Walser zutage, beispielsweise in einem experimentellen Text über die Sprache oder in einer politischen Betrachtung, die die gesellschaftliche Rolle des Arbeiters thematisiert. Zahlreich sind auch die autobiographischen Bezüge, die neue Einblicke in das geheimnisvolle Leben Walsers gewähren. "Gestern abend fiel mir übrigens rasch ein zu denken", bekennt er, "meine Aufsätze oder prosaischen Äusserungen seien etwas wie Personenauftritte in einer Art von Theater, das sich auf meiner gewiss nicht wichtigen Lebenslaufbahn gründet." "Tatsächlich liegt das eigentliche Wunder dieser Mikrogramm-Skizzen in der unnachahmlich leicht wirkenden Art, in der Robert Walser über den Abgrund, der sich unter ihm aufgetan hat, auf einem Hochseil aus nichts als Worten hinwegtänzelt." Peter Hamm, Die Zeit "Walsers Mikrogramme sind keine Kuriosität, sondern eine künstlerische Konsequenz." Anton Krättli, Schweizer Monatshefte
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