Der siebente Band der Werke Kurt Tucholskys vereint eine Auswahl der Briefe des Schriftstellers, die er in den Jahren zwischen 1913 und 1935 schrieb. Chronologisch angeordnet, vermitteln sie ein Bild davon, welche Rolle briefliche Kontakte in seinem Leben und Schaffen spielten. Mit dieser Publikation wird dem Leser eine interessante Lektüre geboten, die sein Tucholsky-Verständnis um wesentliche Dimensionen bereichern, seine Anteilnahme wie sein kritisches Urteilsvermögen herausfordern wird. Als Tucholsky in den Jahren der Emigration öffentlich immer mehr zu verstummen begann, wurden Briefe an vertraute Menschen oder in Briefform verfaßte Tagebuchblätter für ihn zur einzigen, lebensnotwendigen Kommunikation. Der vorliegende Band gibt diesen Selbstzeugnissen, die zum großen Teil erst seit Anfang der siebziger Jahre entdeckt wurden, besonderen Raum, da sich in ihnen wie in keiner seiner künstlerischen Arbeiten ganz unmittelbar die äußere und innere Not, die Zerrissenheit und Suche nach einem neuen Ansatzpunkt zur geistigen Bewältigung der Probleme seiner Zeit spiegeln. In allen Farben Tucholskyscher Prosa aufleuchtend, kommentieren die Briefe nicht nur Zeitereignisse aus der Sicht eines von Widersprüchen gepeinigten Menschen, sie zeigen vor allem einen Schriftsteller, der im Grunde niemals verstummte, auch wenn er im Kampf mit einem zunehmenden körperlichen Leiden und der eigenen Resignation unterliegen mußte. Arnold Zweig, den nicht nur die kämpferisch-antifaschistische Haltung mit Tucholsky verband, schrieb dem „gefallenen Kameraden“, als er von dessen Freitod im Dezember 1935 erfuhr: „Sie hatten eine übertriebene Hochachtung und Erwartung für das, was dem Geiste möglich ist, als Sie die Emigration so bitter glossierten. Eine vage Vorstellung von etwas Ungeheurem, nicht an Aufschrei, sondern an Abwehr, beseelte Sie, als Sie verstummten, immer tiefer verstummten, den letzten Trank der Stummheit tranken. Und dabei war der Irrtum doch nur klein gewesen: daß nämlich die Zeit der Gewaltlosigkeit schon angebrochen sei. Das ist nicht der Fall. Der Stern Erde, in den man Sie einbuddelte, hat eine Fülle tierischer Bestandteile, darunter die menschliche Intelligenz. Er braucht sie, damit sich die Menschen gegenseitig totschlagen. Aber es werden zugleich immer wieder neue geboren. Kleine Säuglinge, wie Sie einen auf einem Ihrer entzückenden Bücher abbildeten. Die Tiefe der Verzweiflung sagt nichts aus über die Sache, an der einer verzweifelt, nur über den Grad seiner seelischen Empfindlichkeit berichtet sie ... Das ist kein Vorwurf für einen gefallenen Kameraden, der vierzehn Jahre lang in der vordersten Reihe focht, den Schmerz, Wut und Gelächter durchblitzten wie keinen, der ein Übermaß an Pflichterfüllung in seinem Soldbuch aufweisen kann ... Wer uns so lachen und zürnen machte, wer so herrlich zu spaßen und weise zu sein vermochte wie Sie, und alles so auf deutsch, der mag gern ausruhn wie H. Heine. Er ist ein Lebender wie er."
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