Zum ersten Mal läßt Balzac sein Format in seinem ersten wirklichen Roman La Peau de chagrin ahnen, weil er darin sein zukünftiges Ziel zeigt: den Roman als Querschnitt durch die ganze Gesellschaft, die oberen Schichten mit den unteren durchmischend, Armut und Reichtum, Entbehrung und Verschwendung, Genie und Bourgeoisie, das Paris der Einsamkeit und das der Salons, die Macht des Geldes und seine Ohnmacht. Der große Beobachter und der scharfsichtige Kritiker beginnt dem sentimentalen Romantiker Wahrheit wider Willen aufzuzwingen. Romantisch ist in Peau de chagrin noch der Plan, ein orientalisches Märchen aus Tausendundeiner Nacht im Paris von 1830 sich verwirklichen zu lassen. Romantisch sind vielleicht noch die Figuren der kalten Gräfin Fedora, die den Luxus liebt statt der Liebe, und ihres Gegenübers Paulina, des Mädchens der unbeschränkten altruistischen Liebesfähigkeit. Aber der Verismus in der Darstellung des Bacchanals, der seine Zeitgenossen erschreckte, und die Schilderung der Studentenjahre stammen unmittelbar aus Balzacs eigener Lebenserfahrung ... Nach zehn Jahren vergeblichen Tastens und Suchens hat Balzac seinen eigentlichen Beruf entdeckt: Historiker der eigenen Zeit zu sein, Psychologe und Physiologe, Maler und Arzt, Richter und Dichter jenes monströsen Organismus, der sich Paris, der sich Frankreich, der sich Welt nennt.
Stefan Zweig
Es wurden bisher keine Bewertungen abgegeben.