Ihr alle möget eintreten, und jeder wird finden, wonach er sich sehnte. Denn die hundert Geschichten des edlen Herrn Boccaccio sind so beschaffen, daß sie die Jünglinge zum Entzücken, die Mädchen zum Erröten oder zur Rührung, die Männer zum Lachen, die Weisen zum Nachdenken nötigen. Man findet in diesen Geschichten die verschiedenen Arten der menschlichen Natur und Temperamente, der Liebe und Freundschaft, der Schicksale in Leben und Sterben, alles auf eine anmutige und wahrhaftige Art erzählt und dargestellt. Für Kinder von zartem und unerfahrenem Alter sind sie nicht geeignet, auch nicht für blöd gewordene Greise, auch nicht für Leute von feindseliger, kleinlicher und mürtischer Sinnesart, Außer diesen aber mögen sie von Jungen und Alten jeder Art mit großem Vergnügen und gewiß auch nicht ohne Nutzen gelesen werden.
Der vielen anstößigen Stellen wegen hat man schon früher des öfteren sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in solchen Fällen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt und geschändet worden ist, läßt sich leicht denken. Dabei kümmerte man sich übrigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor allem um jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame Wahrheiten gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier Herren ernannt zu der Aufgabe, das Dekameron endgültig von allen gegen die Satzungen der Kirche verstoßenden Stellen zu säubern. Da wurden, wo immer es nötig schien, aus den Monchen Bürger und Ritter, aus den Nonnen Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem mysteriösen Unsinn verbessert, und als nach langer Mühe die Ausgabe vollendet
war, zeigte es sich, daß den Herren eine der heitersten Geschichten durch die Finger geschlüpft war, und jenes Dekameron hatte statt hundert nur neunundneunzig Novellen.
Hermann Hesse
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