Wie kann ein Automobil ein Eigenleben führen, mit »hysterischem Geschrei« einen Menschen des 20. Jahrhunderts in den Wahnsinn treiben? Warum konnte sich eine gespenstische Ratten-Mafia im hungrigen und frierenden Petrograd des Jahres 1920 bedrohlich ausbreiten? Und was ermöglichte einem abgehärmten Intellektuellen in jenem Petrograd, das plötzliche Erscheinen des sagenhaft paradiesischen »Grin-Lands« zu erleben? Sind das Alpträume Kafkas oder Camus', Visionen Bulgakows? Solche Geschichten hat Alexander Grin (1880-1932) geschrieben - etwa gleich- zeitig mit Kafka, vor Camus und Bulgakow. Sie offenbaren einen der originellsten und lange verkannten Dichter der frühen Sowjetliteratur. Er gehört zu jener Schriftstellergeneration, die geistig noch im 19. Jahrhundert verwurzelt war und qualvoll das 20. Jahrhundert als Übermacht von Dingwelt und gesellschaftlichen Mechanismen empfand. Seine Helden wollen den »Folterzwängen des Bewußtseins« einer unheimlichen Welt entfliehen. Aber letztlich stellen sie sich ihr doch. Psychologische Sonderfälle werden zu großartigen künstlerischen Metaphern und Parabeln. Grin verallgemeinerte auch sein eigenes abenteuerliches und tragisches Leben. Er hieß eigentlich Grinewski und wurde in der Familie eines polnischen adligen Revolutionärs in sibirischer Verbannung geboren. Er wollte Seemann werden, die Freiheit unbekannter Welten erfahren. Doch überall scheiterte er im praktischen Leben: als Hilfsmatrose, Bademeister, Kanzleischreiber, Fischer, Landstreicher, Bettler, Goldwäscher, Flößer und Holzfäller. Seine Irrfahrten schienen endlos zu sein. 1902 zum Militärdienst einberufen, wurde er Sozialrevolutionär. Er desertierte und arbeitete illegal. Gefängnishaft, Verbannung, Flucht, ein Leben unter falschem Namen folgten. 1912 kehrte er nach Petersburg zurück und wurde Berufsschriftsteller. Er begann als Realist, wurde aber zum Entdecker des poetischen Kontinents »Grin-Land«. Viktor Schklowski resümierte: »Grin kannte die überdimensionalen Moglichkeiten des Menschen. Daher konnte er so viele Bücher schreiben, die wir heute dringend brauchen. «
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