Wer waren diese frühen „Europäer“? Woher kamen sie? Sind sie mit den Kelten verwandt oder gar identisch? Wie zuverlässig sind die Beschreibungen ihrer Lebensgewohnheiten in den antiken Quellen, und was ist von den ideologischen Überwölbungen des Germanenbildes zu halten? Wirklichkeit und Legende beginnen sich bereits in Caesars Berichten zu verwischen. Vor allem aber das Entsetzen über den Verlust der römischen Elitetruppen im Teutoburger Wald läßt schließlich die Germanen aus römischer Sicht zu unberechenbaren „Übermenschen“ werden. Die Angst vor ihnen einerseits und die Verherrlichung ihrer natürlichen Kraft und Art andererseits sind von nun an bis in die Gegenwart im Kalkül der Politiker und Historiker ein nicht gering zu veranschlagendes ideologisches Pfund, mit dem nach Belieben gewuchert worden ist. Bis heute wirken die Schrecken der Völkerwanderungszeit und der Wikingerüberfälle im geschichtlichen Bewußtsein Europas nach. Im Geschichtsbild der Franzosen und Engländer, der Italiener und Griechen sind diese Germanen noch immer die „Invasoren“ und „Barbaren“. Deutschland aber griff in der nationalen Begeisterung des 19. Jahrhunderts jenes idealisierte Bild des „von Natur gesunden und kultivierten Germanen“ auf, das Tacitus seinen dekadenten Zeitgenossen in kritischer Absicht vorgehalten hatte. In dem Rassenwahn der Nationalsozialisten und ihrer Ideologie der „germanischen Blutsüberlegenheit“ fand der Germanenkult seinen schrecklichen Höhepunkt. Dabei hat es die Germanen des 19. Jahrhunderts und des Nationalsozialismus nicht gegeben, wohl aber ideologische Bilder von ihnen, über deren Herkunft dieses Lexikon auch Auskunft gibt. Im Zentrum steht die Erkenntnis, daß die Germanen als in Kultgemeinschaften zusammengeschlossene Stämme und Gruppen zu verstehen sind: Die Rede vom germanischen Urvolk ist Ideologie pur. Darüber hinaus waren sie Menschen verschiedener Herkunft, die ihrer Kulturstufe gemäß lebten und Einflüsse wie beispielsweise Anleihen bei der Kunst der Hunnen und Skythen erkennen lassen: Sie waren Menschen ihrer Zeit; nicht mehr und nicht weniger.
Hannsferdinand Döbler, Schriftsteller und Sachbuchautor, geboren 1919 in Berlin, lebt heute in Hannover. Sein wohl bekanntestes Werk ist eine zehnbändige „Kultur- und Sittengeschichte der Welt“. Als seine bedeutendste Leistung gilt die autobiographische Romantrilogie mit den Teilen „Kein Alibi“, „gez. Coriolan. 1945 - 1949“ und „Nie wieder Hölderlin“.
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