„Seldwyla“ - kein literarischer Ort ist vom zitierenden Volksmund gründlicher mißdeutet worden. In Festreden und Leitartikeln erscheint er so, als wäre er mit Schilda zu verwechseln, ein Pfahlbürgerstädtchen, das sich in seiner Borniertheit selbst die lustigsten Streiche spielt; am Ende auch ein Ort gemütlicher Selbstgratulation. Auf diese Weise rückt man ihn fernab von den Tatsachen, die die beiden Bande der Seldwyler Geschichten illustrieren und die das schweizerische Selbstverständnis genauer treffen könnten. Denn Seldwyla ist ein historisch wie psychologisch genau situierbarer Ort. Seine Bürger bewohnen eine ländliche Kleinstadt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihr Problem, mit dem sie nicht fertigwerden, ist das Übergreifen kapitalistischer Weltwirtschaft und ihrer Verwertungsformen auf den Marktflecken, der bisher vom ländlichen Tausch gelebt hatte.
Adolf Muschg, 1977
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