Der gewesene Kommis, der Vortragskünstler und Humordichter Hermann Harry Schmitz beging am 10. August 1913 Selbstmord, oder, um es mit Herbert Eulenberg, dem Nestor ambitiösen rheinischen Kleinbürgergeistes zu sagen: „Er überraschte sich und uns mit seinem Tod.“ Es ist nicht überliefert, aber wahrscheinlich hat man von ihm als dem „jecken Schmitz“ gesprochen, wahrscheinlich auch noch und vielleicht sogar erst recht, als man von seinem Selbstmord erfuhr. Denn dies unübersetzbare Wort ,jeck“ ist universell und birgt alle Nuancen des Ausdernormgeratenseins in sich, vom „Unsinn" bis zur „Unsinnigkeit“. Schmitz war kein Vagabund, der das kennengelernt hat, was man die materiellen Tiefen des Lebens nennt, der vor verhaßtem Publikum Kapriolen fürs liebe Geld schlug. Ganz und gar nicht. Schmitz stammte aus gutem, aus bestem Bürgerhaus. Welcher Schreck muß es für die Anverwandten gewesen sein, als er im Jahre 1911 zum professionellen Schreiber hinahsank, indem er begann, in einer Düsseldorfer Zeitung seine seltsamen Geschichten zu veröffentlichen, die er - nach Ohrenzeugenberichten - seit Jahren schon in privaten Zirkeln, im Vereinsmaßstab oder anläßlich der beliebten Wohltätigkeitsbasare improvisiert hatte, unermüdlich, verschwenderisch. Es ist viel über die deutsche Gesellschaft vom Vorabend des Ersten Weltkrieges geschrieben worden. Über Schmitz hat niemand von Bedeutung Bedeutendes gesagt, den hat keiner registriert als Dazugehorigen. Aber seine Grotesken sind so gut Antwort auf seine Zeit wie Heyms „Krieg“, sind Angriff auf seine Zeit. Wo ist der deutsche Spießer in seinem Tick, Prachtausgaben besitzen zu müssen, treffender charakterisiert worden als in der Moritat „Das verliehene Buch“? Wo findet sich in der deutschen Literatur eine scharfere Satire auf den kommerziell aufgezogenen Baderummel, als die Geschichte ,Im Sanatorium" sie bietet?
Schmitz arbeitet dabei nicht auf die feine Tour oder nach der intellektuellen Masche, er hat aus der Bütt und vom Filmklamauk gelernt und läßt Häuser zusammenfallen und Hälse
brechen und Straßen aufweichen und Tanten sterben. Und er tut all das mit dem Charme dessen, der's nicht ernst meint mit der Wahl seiner Methoden, weil's ihm bitter ernst ist mit dem, was er an den Mann bringen will. Die grotesken Katastrophen, die er den Leuten erzählt hat, sind Symptome der großen Katastrophe, an deren Rand sie lebten.
(Aus dem Nachwort)
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