Es ist heute durch nichts mehr gerechtfertigt, sich Jane Austen als ein geniales Naturtalent vorzustellen oder gar als eine freundliche Märchentante, deren Geschichten aus dem
einen oder anderen Grunde noch immer zu bezaubern vermögen. Sie war eine ernsthafte, bewußte Schriftstellerin, die ganz in ihrer Kunst aufging und mit den Problemen ihrer
Kunst rang. Bei der Gestaltung und Umgestaltung ihres Materials, der Übertragung ganzer Romane von der Brief- in die Erzählform und dem mit peinlicher Sparsamkeit vorgenommenen Aufbau ihres Stoffes ließ sie das Bemuhen des großen Künstlers um Form und Komposition erkennen ... Ihr Urteil basiert nie auf irgendeiner hochtrabenden Belanglosigkeit, sondern stets auf den tatsächlichen Umständen und Ansprüchen ihrer Welt und ihrer Menschen. Die Klarheit ihrer gesellschaftlichen Beobachtung wird durch die Genauigkeit ihrer gesellschaftlichen Urteile ergänzt, und alle ihre Urteile sind - im weitesten Sinne - gesellschaftlich. Ihr Anliegen ist nicht abstraktes Prinzip, sondern menschliches
Glück.
Arnold Kettle „Eine Einfübrung
in den engliscben Roman" 1951
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