Unser Jahrhundert, das allerorten Neugestaltung erstrebt, liess auch das lyrische Gedicht unbeschrittene Wege suchen. Überlieferte Formen verlieren für das Ohr ihre Anziehungskraft, neue tauchen auf. In einer solchen Zeit der Unsicherheit beim Leser und beim Dichter selbst bedarf es der Klärung, was an Regeln heute noch gilt und in unserer poetischen Sprache lebendig ist. Wer aber wäre berufener, in dieser Situation über Wesen und Gesetz des lyrischen Kunstwerks etwas Gültiges zu sagen als Friedrich Georg Jünger, der Bedeutendes zum Gedichtbestand unserer Tage beigetragen hat. Seine deutsche Verslehre hebt hervor, dass im Gedicht Rhythmus und Wiederkehr eins sind, und gibt eine subtile Untersuchung über das bisher noch nie genügend beachtete Verhältnis von Vers und Satz. Eine klare Darstellung und viele Beispiele unserer Poesie machen deutlich, welcher Zug wechselnder Kräfte jeweils von den Anfängen bis zur Gegenwart im deutschen Gedicht wirksam geworden ist, bis der reimlose Vers und die freien Rhythmen die über tausendjährige Herrschaft des Reimgedichts bedrohten. Nicht nur dem Liebhaber der Dichtung, auch dem Fachmann werden neue Perspektiven auf das gewaltige Material eröffnet, das wir in der Geschichte der deutschen Dichtung aufbewahrt sehen. Denn es wird gedeutet von einem schöpferischen und selbständigen Geist.
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