Gotthelf der Politiker
In seinem Vorwort zu 'Zeitgeist und Bernergeist' gibt Gotthelf Antwort über Antwort auf die Frage "Was ist Politik?": "Der Hauptgrund, warum der Verfasser auch beim besten Willen von der sogenannten Politik nicht lassen kann, ist der, dass ja die heutige Politik überall ist... Wo man im Hause den Fuss absetzt, tritt man auf diese Schlange, diese Landplage Europas." Dem Radikalismus wird vorgeworfen, er sei eigentlich keine Politik, sondern eine eigene Lebens- und Weltanschauung, die alle Verhältniesse einfasst der ganzen Menschheit sich bemächtigen will." Auch hier sind ausdrücklich die "redlichen Radikalen" ausgenommen, die die Grenzen der eigentlichen Politik nicht überschreiten.
Es hängt mit der Idee des Werkes zusammen, dass der Berner Bauer Hunghans, der der Politik verfällt, weniger plastisch und bedeutend hervortritt, da er als wehrloses Opfer der geistigen Seuche aufgegasst ist. Seine Figur ist die Bagatellisierung der Politik, das Sinnbild der grossen Verwirrung und Verödung. Sie zeigt die Nichtigkeit der sogenannten nationalen Lebensfragen, die Politik als pathologischen Verlauf. "Politisches Leben ist eine Art von Krankheitszustand, welcher überwunden werden muss, eine Gärung, welche das Ungesunde ausscheiden, wiederum Ruhe und Frieden ins Leben bringen soll. Wer meint, in einem Volke müsse ein beständig reges politisches Leben sein, das sei der rechte Normalzustand, der täuscht sich übel, so übel wie der, welcher wähnte, der Mensch müsse beständig im Fieber liegen... Politisches Leben heisst man das Leben in der Politik, das Vergessen alles andern ob der Politik, das Gefangennommenwerden von der Politik." Wer sich ihm hingibt, ist notwendig auch moralisch verdächtig, man darf ihm nicht drei Kreuzer ohne drei Bürgen anvertrauen.
Die Höhepunkte des Werkes sind gewaltige Klage. "Alles Leben wollt ihr töten bis an das politische Leben, und das ist für sich alleine das ödesten aller Leben, eine Wolke ohne Regen. Es ist an sich nichts, nichts als der Mist, in welchem das Ungeziefer entsteht, Bestien, kleine und grosse... es ist der Mord der eigentlichen Menschheit, man verrät sie ans Tierreich, man wirft sie den Bestien zum Frasse vor." Walter Muschg Aus "Gotthelf, die Geheimnisse des Erzählers"
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