Cover von Only Revolutions
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Buch
Originalsprache
nicht angegeben
Erstveröffentlichung
2006
Band (Reihe)
-
Typ
Buch
Genre
Belletristik: Fantasy
Auflage
Sprache
Deutsch
Übersetzt von
-
Verlag
Tropen Verlag
Jahr
2012
Seitenanzahl
360
ISBN
3608501231
EAN
9783608501230
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Auflage
Unbekannt
Inhalt/Klappentext
Klett-Cotta publizierte bereits vor knapp drei Jahren einen literarischen Aufschrei: Mark Z. Danielewskis Das Haus. House of Leaves. Der Roman, der im Original 2000 erschienen ist, erzählt die Geschichte eines Hauses, das ein eigenes Leben entwickelt, und wurde von Kritikern wie von Lesern kontrovers aufgenommen. Sechs Jahre ließ sich der Autor Zeit und arbeitete mit Eifer an dem nun in Deutsch vorliegenden "Only Revolutions", der zweite literarische Aufschrei gegen die vertrockneten Gepflogenheiten des Bücherbetriebes.

"Only Revolutions" ist eine Liebesgeschichte, wenn nicht sogar die Liebesgeschichte schlechthin, die den Rahmen von Zeit und Raum sprengt. Die beiden 16-jährigen Protagonisten Hailey und Sam lernen sich lieben und machen sich mit einem Auto auf den Weg, ein unverwüstliches Amerika zu erobern sowie sich gegenseitig zu erkunden.

Die Typografie des Romans ist beim ersten Durchstöbern das erste große Highlight und lässt vermuten, dass der Autor ein Faible für außergewöhnliche Seitenkonzeptionen hat. Die eigentliche Handlung wird aus der Sicht von beiden Figuren erzählt, wobei sich diese in jeweils 45 Kapitel zu je acht Seiten aufteilen. Dabei sind die Seiten in der Mitte geteilt, so dass in der oberen Hälfte die Geschichte von Hailey und unten die Sicht von Sam erzählt wird. Das Interessante ist, dass das Buch von vorne wie von hinten zuerst gelesen werden kann. Sie haben demnach die Qual der Wahl, denn der Leser wird von der Figur vornehmlich geprägt, mit der er/sie anfängt. Der Verlag empfiehlt nach je einem Kapitel von Hailey zu Sam (oder anders herum) zu wechseln. Dadurch, dass Sam und Hailey die Handlung gleichzeitig erleben, doppeln sich natürlich die erzählten Begebenheiten - sollte man jedenfalls meinen. Innerhalb der jeweiligen Handlungen verändern sich diese: aus einem "Zuhälter" bei Hailey wird eine "Puffmutter" bei Sam - um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Sachverhalte, bei denen Sam denkt, dass Hailey sich freut, stellen sich in Haileys Kapitel als für sie völlig unzulänglich und langweilig heraus. Diese Dualität macht den Reiz der Interaktion zwischen den beiden aus.

Auf der Buchseite befindet sich neben der Handlung außerdem noch ein kurzer zeitgeschichtlicher Abriss, der bei Sam beispielsweise am 22.11.1863 beginnt und die Handlung indirekt beeinflusst. Je nach dem in welcher Zeit sich die beiden "befinden", verändern sich z.B. die Autos oder die Einflüsse der Musik. Das hat zur Folge, dass aus dem Wagen, den sie fahren, binnen zehn Seiten ein Ford und daraus ein Pontiac und hieraus wiederum ein Buick wird. Danielewski schildert hiermit die Irrelevanz und Austauschbarkeit der äußeren Umstände einer zärtlichen Jugendliebe, die sich von Raum und Zeit loszueisen vermag. Bei zwei lebenslustigen, neugierigen Teenagern findet natürlich die körperliche Liebe eine übergeordnete Stellung. Mark Z. Danielewski schafft es in diesen Sequenzen, durch eine schwungvolle und melodische Sprache den derben Sexszenen etwas Poetisches zu verleihen. Stellenweise reimt sich das Geschriebene, wodurch mitten in der Prosa ein lyrischer Einschub auftaucht. Der Autor schafft eine Vielfältigkeit in der Art des Lesens, er spielt förmlich mit der Sprache: Neologismen und Kofferworte jagen Sätze wie "Wir schlemmen Leid und schlürfen Sorgen" (S. 224, Sam). Eine Chiffre folgt auf die nächste Metaphorik und der Leser kann nur staunen, welch sprachliche Glanzleistung der Autor aber auch die Übersetzer hier vollbracht haben. Häufig durchzieht eine harte Sprache die Poesie und verdeutlicht, in welchen Fallstricken sich Hailey und Sam befinden und in was für einer zerstörten Welt voller Gewalt, Vergewaltigung und Missbrauch sie leben müssen.

Die charakterlichen Unterschiede werden schnell deutlich. Der starke Kontrast zwischen der Selbst- und Fremdreflexion, insbesondere auf den ersten hundert Seiten, lässt einige für den Leser sehr amüsante Situationen entstehen; wenn sich Sam zum Beispiel für den legendärsten Liebhaber hält, Haileys Begeisterung aber nicht so überbordend zu sein scheint, musste ich zwangsläufig schmunzeln. Der Hochmut, Größenwahn und der jugendliche Übermut prägen das Geschehen und das Handeln der beiden Charaktere und machen aus ihnen zwei sehr plastische Figuren, deren Beweggründe einer jeder 16-jährige vollends nachvollziehen wird können.

Dass Danielewski mit der Typografie spielt, habe ich bereits erwähnt, aber es gibt so unzählig viele Kleinigkeiten, die einem im ersten Moment gar nicht auffallen und die ich hier exemplarisch anführen möchte, um zu zeigen, welche gedankliche Raffinesse der Autor beim Schreiben an den Tag legte. Sprechen Hailey und Sam von sich, also "uns", schreibt der Autor "UnS" (sic!). Hier wird die Doppelbödig- und Doppeldeutigkeit des Schreibens deutlich. Im Original benutzt er das (immer großgeschriebene) Wort "US" - entweder als "uns" oder als "United States" zu lesen. So schreibt er auf Seite 222, Sam: "Fass UnS & verfehl UnS, find UnS & jammere." Nun lesen Sie es mal in der einen und dann in der anderen Auslegung. Danielewskis Sicht auf die Vereinigten Staaten von Amerika, insbesondere den American Way Of Life bzw. den American Dream, sind düster. Der Autor setzt dem Way Of Life im Beisein des Lesers die Pistole an die Schläfe und exekutiert ihn - und das nicht nur einmal.

Auch die Wahl der Seitenzahlen kommt nicht von ungefähr. Der Roman hat 360 Seiten, auf jeder Halb-Seite befinden sich jeweils 90 Wörter, also auf einer Doppelseite: 360 Wörter. Die Handbewegung, die Sie tätigen, um nach acht Seiten den Charakter zu wechseln, ist kreisförmig, also 360°. Die "Never Ending-Story", das Alpha und Omega und der Kreislauf des Lebens bzw. der Liebe werden in diesen klug durchdachten, typografischen Spielereien deutlich. Oder anderes Beispiel: Wenn Sie die Anfangsbuchstaben der einzelnen Kapitel eines jeden Protagonisten aufschreiben würden, entsteht: "SAM UND HAILEY UND SAM UND HAILEY" (in Haileys Kapiteln). Diverse weitere Beispiele ließen sich nun noch anführen, um zu manifestieren, welche brillante Leistung der Autor hier geschaffen hat.

"Only Revolutions" ist anstrengend, fordernd, schwierig, umfangreich, tiefschürfend, gigantisch, ergreifend. Nehmen Sie sich Zeit für die Lektüre und Sie werden es nicht bereuen. Nach knapp 30 Seiten wollte ich eigentlich aufgeben, habe aber trotzdem noch weitergelesen und möchte diese Leseerfahrung nun nicht mehr missen