Die Götter dürsten - Buch
Es wurden bisher keine Bewertungen abgegeben.
Mit wehmütigerer Skepsis kann man die Revolution nicht schildern, als es France 1912 in einem seiner charak teristischsten Romane, in „Die Götter dürsten“, getan hat. Evariste Gamelin, ein reiner Mensch und Künstler, ein leidenschaftlicher Anhänger Robespierres und Marats, fällt als Geschworener aus Überzeugung, dem Gefühl nach, die furchtbarsten
Bluturteile. Er ist ein Gegner der Todesstrafe, aber Verbrechen gegen die Volkssouveränität müssen mit dem Leben bezahlt werden; er verurteilt den ärmsten Menschen wegen eines "Es lebe der König!“, denn die Guillotine als Vorrecht der Aristokraten wäre ihm als ungerechtes Privileg erschienen ... Eine einfältig gutmütige royalistische Dirne, ein schlichtgläubiger Geistlicher, die beide das Märtyrertum erleiden, stehen dem Herzen des Dichters deutlich näher, und ganz eins weiß er sich mit dem skeptisch gütigen alten Steuerpächter und Aristokraten Brotteaux, der seinen Lukrez liest und von der Göttin der Vernunft, die zu Verblendung und Verbrechen führt, so wenig wissen will wie von der Gottheit der Kirche.
Victor Klemperer