Professor Unrat - Buch
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Heinrich Mann war bereits sechzig und stand als demokratischer „Präsident der Dichterakademie“ im Brennpunkt des öffentlichen Interesses der verfallenden Weimarer Republik, als ihm der Film vom „Blauen Engel“ Weltruf eintrug. Mit einem ironisch distanzierenden Bonmot bemerkte er dazu: „Viel Nachfrage fand ein Hampelmann- mein Kopf und die Beine einer Schauspielerin. Ein Filmstoff von mir hatte alle drei, das Talent der Frau und ihre zwei reizenden Gliedmaßen, berühmt gemacht.“ Tatsächlich knüpft sich der legendäre Ruhm des „Blauen Engels“, den Josef von Sternberg 1929/30 nach dem Roman „Professor Unrat“ aus dem Jahre 1905 drehte, vor allem an Marlene Dietrich. Hinter den noch immer verbreiteten Liedern, die sie als „Künstlerin Fröhlich“ sang („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ... “), und hinter jenen auch jetzt noch bewunderten „reizenden Gliedmaßen“ war für viele Zuschauer der Name des Autors verblaßt; ja, der weltweite Erfolg dieser genialen Verfälschung führte sogar dazu, daß der Roman nach 1945 zunächst ebenfalls unter dem Filmtitel erschien. Trotz dieser ungewöhnlichen Wirkung machte nicht erst der Film das Buch und seinen Helden populär, er bestätigte nur (nach einer Bemerkung von Herbert Ihering) eine ohnehin volkstümlich werdende Figur, die heute zum festen Bestand unvergeßlicher literarischer Gestalten zählt: den Typ des alternden Paukers, der seine Schüler tyrannisiert, dabei selbst unter die Tyrannis einer anrüchigen Kabarettsängerin gerät und als amoklaufender Spießer endet. Mit der satirischen Dialektik vom staatserhaltenden Gymnasialdespoten, der in Wahrheit nur ein gefährlicher Untertan ist, rüttelte Heinrich Mann überaus wirkungsvoll an einem Machtpfeiler des Wilhelminischen Deutschland: dem geisttötenden Schulsystem und seinen moralisch verkommenden Exekutoren. In der psychologischen und historischen Konsequenz, mit der er das „Ende eines Tyrannen“ schildert, erweisen sich die Überlegenheit des „Kopfes“ über die „Beine der Schauspielerin“ und die Unverwüstlichkeit des Romans neben dem Film.