EDGAR ALLAN POE (1809-1849) war ein fast graziler Mann von zäher Konstitution, dem man nicht ansah, daß er in seiner Jugend sechs Meilen gegen die Strömung des James River schwamm. Ein scharfsinniger Denker, ein logischer Analytiker, dem zugleich jede Welt- und Menschenkenntnis abging. Er rühmte sich, jede Geheimschrift, die man ihm einsende, dechiffrieren zu können, und von hundert Einsendungen mißlang es ihm auch nur bei einer einzigen. Die induktive Kombinatorik beweist denn auch ihre literarische Wirksamkeit im „Doppelmord in der Rue Morgue“, wo Dupin aus geringfügigsten Umständen die Tat und das Wesen des Täters rekonstruiert. Methode und Gestalt bilden alsbald einen literarischen Topos: auf ihm erhebt sich, kaum modifiziert, der neue Held, heiße er Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Nero Wolfe, Kommissar Maigret - ein Sieger dank seiner kleinen grauen Zellen, nicht seiner Muskeln oder seines großen materiellen Aufgebotes. Im Detektiv Poescher Prägung gibt sich die Gesellschaft eine neue omnipotente, aber weltliche Autorität, vor deren geistigem Auge nichts verborgen bleibt ...
Günter Kunert
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