Jurek Becker erzählt die ebenso unglaubliche wie wahrhaftige Geschichte von Jakob dem Lügner, der das Erfinden von Wahrheiten wirklich nicht als sein Metier gewählt hat. Die einzige Erfindung, an die Jakob sich mit bescheidenem Stolz erinnert, ist ein Rezept: Kartoffelpuffer mit Weißkäse und Zwiebeln. Aber das war noch in der gesegneten Zeit, als er die kleine Eisdiele gleich neben dem Tabakladen von Chaim Balabusne besaß und zur kalten Jahreszeit für die Gäste Puffer buk - damals, als er das Heiratsangebot von Josefa Litwin ausschlug (womit er vielleicht das Glück seines Lebens verspielt oder gewonnen hat) und als im Ghetto noch Bäume und Katzen und Uhren erlaubt waren. Doch die gesegnete Zeit ist endgültig verloren, und keine noch so sehnsüchtige Erinnerung kann sie zurückbringen. Aber nicht der bedrückende Alltag im Ghetto, nicht die Demütigungen durch die Deutschen und nicht einmal die fortwährenden Evakuierungen in eine Ungewißheit, von der jeder weiß, sind es, die Jakob jetzt - 1943 - so ängstigen. Ein närrischer Zufall hat ihn zum „Radiobesitzer“ gemacht, zu einem Lügner vor seinesgleichen, und ihn quält die Art, wie sie ihn jetzt täglich um Neuigkeiten anbetteln, wie sie ihn anschaun mit Augen voll zweifelnder Hoffnung: Stimmt es, daß wir Juden gegen ein Lösegeld verkauft werden sollen? Ist es wahr, daß ein jüdischer Staat gegründet wird? Und vor allem, wo bleiben deine Russen? wo ihr Vormarsch, mit dem du uns seit Wochen den Mund wäßrig machst, wie es dir mit deinen Puffern nie gelungen ist? Jakob begreift, daß ein Lügner mit schlechtem Gewissen nur ein elender Stümper bleibt. In dieser Branche sind Vorsicht und Zurückhaltung nicht angebracht. Und so erfindet er die Schlacht an der Rudna, die in keinem Geschichtsbuch stehen wird, die Eroberung Tobolins und die Riesenverluste der Deutschen bei Pry. Seine trostreichen Lügen sind es, die alte, fast vergessene Schulden
zu neuen Gesprächsstoffen machen, Heiratspläne beflügeln und die Selbstmordziffer auf den Nullpunkt sinken lassen.
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