Isaak Babel entwickelte in der Sowjetliteratur der 20er Jahre, besonders mit seiner,,Reiterarmee“ und den,,Odessaer Geschichten“, eine neue künstlerische Sehweise. „Gemeint ist ein Zustand, den ich die Unschuld des Sehens nenne, ein Zustand, in dem Entzücken und Trauer, Dauer und Vergänglichkeit ungeteilt er fahren werden, ein Zustand des Schreckens und der Tollkühnheit, denn es ist der Zweikampf, den der Dichter mit der Natur um die Sichtbarkeit des Schönen führt. Elias Canetti, der Babel in Berlin drei Monate lang fast täglich traf, hat dieses Sehen erlebt, und er meint sogar, er wäre von Berlin wie von einer Lauge zerfressen worden, hätte es da nicht Babels Sehen gegeben. ,Am liebsten ging er zu Aschinger', heißt es in ,Die Fackel im Ohr', ,da standen wir dann nebeneinander und aßen sehr langsam eine Erbsensuppe. Mit seinen kugelrunden Augen hinter den sehr dicken Brillengläsern sah er sich die Leute um uns an, jeden einzelnen, alle, und hatte nie von ihnen genug. Es war ihm lästig, daß die Suppe zu Ende ging, er hätte sich einen Teller gewünscht, der unerschöpflich war, denn alles, was er wollte, war Weiterschauen, und da die Leute rasch wechselten, gab es viel zu sehen. Ich habe nie jemanden erlebt, der mit solcher Intensität sah, er blieb dabei vollkommen ruhig, durch das Spiel um die Augenpartien wechselte der Ausdruck der Augen unaufhörlich ...
Dort, wo er sich verstecken konnte, sah er am besten. Von anderen nahm er alles hin, er ließ nicht etwa weg, was ihm nicht paßte, was ihn am tiefsten quälte, das ließ er am längsten auf sich einwirken.'" (Aus dem Nachwort.)
Die vorliegende Auswahl enthält das Wichtigste und Bleibende, was Isaak Babel(1894-1941) geschrieben hat. Sie stützt sich auf die zweibändige Werkausgabe (Volk und Welt 1973). Erstmals in deutscher Sprache erscheint die Erzählung „Gerechtigkeit in Gänsefüßchen“.
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