Das halbzerfallene Stadttor Rashomon ist der gespenstische Schauplatz der Titelnovelle dieses Bandes. Sie führt in eine längst ver gangene Zeit, als eine Seuche in Kioto wütet und in ihrem Gefolge Not und moralischer Niedergang um sich greifen. Der einsame Mann, der im Tor Schutz vor dem nächtlichen Regen sucht, hat nur die Wahl, ein Räuber zu werden oder zu verhungern. Im Dachgeschoß entdeckt er eine alte Frau, die einem Opfer der Seuche die Haare ausreißt, um Perücken daraus zu machen. Angesichts ihres und des
eigenen Elends verfliegt seine Empörung, kalte Selbstsucht gewinnt die Oberhand. Er packt die Alte, zerrt ihr den Kimono vom Leib und verschwindet in der Nacht. Akutagawa hat diese makabre Begebenheit um der künstlerischen Glaubwürdigkeitwillen in ein historisches Milieu verlegt. Doch der Dieb besitzt die intellektuelle Physiognomie eines Menschen unseres Jahrhunderts, und sein Verhalten entspringt einer Konfliktsituation, wie sie für die bürgerliche Gesellschaft typisch ist. Auch in den übrigen Texten des Bandes erweist sich der Autor als kritischer Beobachter seiner Umwelt, die er mit überlegener, meist ironisch formulierter Skepsis, gegen Ende seines Lebens sogar mit zunehmender Schärfe und Verzweiflung gestaltet. Ob Akutagawa von der Wirkung einer freundlichen Geste erzählt oder eine überlieferte Liebesgeschichte neu interpretiert, ob er mit den Mitteln der Satire gesellschaftliche Probleme enthüllt oderin autobiographischen Erzählungen Aufschlüsse über die eigene Persönlichkeit vermittelt immer spiegelt sich in seinen Werken die wi-
dersprüchliche Wirklichkeit Japans. Stilistische Brillanz, Vielfalt der literarischen Techniken und psychologische Tiefe kennzeichnen die Kurzprosa des humanistischen, inzwischen weltberühmten Schriftstellers.
Es wurden bisher keine Bewertungen abgegeben.