Radetzkymarsch - Buch
Es wurden bisher keine Bewertungen abgegeben.
Leutnant Trotta rettete am 24. Juni 1859 in der Schlacht von Solferino dem österreichischen Kaiser Franz Joseph das Leben. Für diese Tat während der Niederlage gegen Napoleon III. wurde er zum Hauptmann befördert und geadelt. Seitdem galt er als „Held von Solferino“ und wurde in den Lesebüchern der Monarchie verewigt. Dieses Erbe lastete schwer auf seinen Nachkommen: Sein Sohn wurde Bezirkshauptmann in der Provinz, und der Enkel schlug erneut eine militärische Laufbahn ein. Die Nähe zum Kaiser und das Schicksal der österreichisch-ungarischen Monarchie, deren Untergang sich im Ersten Weltkrieg vollzog, prägten auch das Leben der Trottas. Über diesen historischen Einzelfall hinaus ist „Radetzkymarsch“ eine beeindruckende literarische Darstellung des Zerfalls überholter Wertesysteme, des Verlustes gesellschaftlicher Bindungen und der resultierenden Orientierungslosigkeit von Individuen und sozialen Schichten. Diese Tendenz durchzieht den gesamten Roman, bis hin zur epischen Struktur und jedem einzelnen Satz. Mit der Erhebung des ersten Trotta verlor dieser nicht nur die Verbindung zu seinem slowenischen Heimatdorf und seinem bäuerlich armen Vater, sondern auch alle Motivationen individuellen Handelns, sofern sie nicht im Dienst des Kaisers und des Staates standen. Der Sohn erlebt jeden Sonntag den Höhepunkt seines Lebens, wenn auf dem Platz vor der Bezirkshauptmannschaft der Radetzkymarsch gespielt wird. Der Enkel kann die Heldentat seines Ahnen nur noch in einer grotesken Verzweiflung wiederholen, indem er das Bild des Kaisers aus einem Bordell rettet. Auch der Monarch selbst muss den Trottas helfen, als sie eine Ehrenangelegenheit nicht mehr eigenständig lösen können: Ein höchster Wink genügt, um die fragwürdige Liebesaffäre und die beträchtlichen Spielschulden des Enkels Carl Joseph aus der Welt zu schaffen. Doch dieses Geflecht aus Dienen und Gnade bewahrt nur noch den Anschein einer funktionierenden Gesellschaft. Wie weit der Zerfall wirklich reicht, zeigt sich in den bitteren Worten des Bezirkshauptmanns, der seine Ohnmacht als Vater kommentiert: „Man kann keine Verantwortung tragen! Kein Mensch darf für den andern eine Verantwortung tragen.“ Sein Gesprächspartner ergänzt: „Nicht einmal der Kaiser trägt heute die Verantwortung für seine Monarchie. Ja, es scheint, dass Gott selbst die Verantwortung für die Welt nicht mehr tragen will.“ „Radetzkymarsch“ (1932) ist Joseph Roths bedeutendster Roman. Roth wurde 1894 als Sohn jüdischer Eltern in Schwabendorf bei Brody (Wolhynien) geboren und starb 1939 in einem Pariser Armenhospital. Das Thema und die Figuren dieses Romans führte er im Roman „Die Kapuzinergruft“ (1938) bis zum Einmarsch der faschistischen deutschen Truppen in Wien weiter. Weitere Romane von Joseph Roth sind „Hotel Savoy“ (1924), „Hiob“ (1930), „Beichte eines Mörders“ (1936) und „Die Geschichte der 1002. Nacht“ (1939). Neben weiteren Romanen verfasste er Erzählungen sowie herausragende Feuilletons und Reisereportagen für Zeitungen in Wien (seit 1918), Berlin (seit 1921) und Frankfurt am Main (1923/31).